
Uwe Bräuer und Lebensgefährtin Dani Ernst von der Hundeschule Apollo in Niedermeister mit „Keres“, einem sogenannten „Listenhund“, der auf Vermittlung wartet. Fotos: Soremski
Kassel. „Ein ganz feiner Kerl ist das“, lobt Hundetrainer Uwe Bräuer den Kangal, einen Hirtenhund. Das Fell des kraftstrotzenden Hundes schimmert hell in der Sonne, als „Keres“ aus dem Zwinger der Hundeschule Apollo in Niedermeiser auf die große Freifläche tritt und fröhlich herumtollt.
Ein kurzer Befehl des erfahrenen Trainers und der Rüde sitzt brav an seiner Seite. Zeit für ein Gespräch über den jungen Hund und seine Zwingergefährten, über Listenhunde und warum sie hinter Gittern sitzen – und nicht ihre Halter. 2007 war der EXTRA TIP schon einmal nach Liebenau gefahren. Seinerzeit hatte das Kasseler Ordnungsamt die Kooperation mit Uwe Bräuer begonnen und Hunde, die ihren Haltern weggenommen werden mussten, dort in einer gesonderten Anlage untergebracht.
“Wir platzen aus allen Nähten.”

Alle Plätze belegt: Lothar Pflüger vom Kasseler Ordnungsamt ist hochzufrieden mit der Qualität der Zwinger-Anlage und der guten Arbeit mit den Hunden.
Viereinhalb Jahre später sind wir erneut vor Ort, wollen wissen, ob sich die Situation verändert hat. Hat sie. „Wir platzen aus allen Nähten, wissen kaum mehr wohin mit den Hunden“, sagt Lothar Pflüger vom Kasseler Ordnungsamt. Denn immer öfter müsse das Amt aktiv werden, wenn Halter die Auflagen für sogenannte „Listen-Hunde“ (Wesenstest, Sachkundenachweis, polizeiliches Führungszeugnis, keine Drogen- oder Alkoholsucht, etc.) nicht erfüllen.
Hinzu kommt, dass nun auch Rottweiler unter besonderer Beobachtung stehen. Die 20 verfügbaren Plätze sind bereits ausgebucht. Übrigens nicht von „Beißern“ – denn nur zwei der „Insassen“ waren in Beißvorfälle verwickelt: Ein Husky-Mix und ein Deutsch-Drahthaar – beide nicht auf der Liste „gefährlicher Hunde“.
Hunde sollen wieder Vertrauen zu Menschen finden
Doch nur wenige Menschen wissen, dass die Hunde durchaus wieder ein schönes Leben bei einem neuen Herrchen oder Frauchen haben können. „Manche kann man schon direkt vermitteln, mit anderen müssen wir intensiver arbeiten, damit sie ihre Angst ablegen und wieder Vertrauen zu Menschen finden“, sagt Dani Ernst. „Aber bis jetzt haben wir sie alle wieder hinbekommen – egal wie verkorkst sie waren“, ergänzt Lebensgefährte Uwe Bräuer. So habe man auch schon erfolgreich mit den ursprünglichen Haltern gearbeitet, die ihren Hund dann trotz eines Beißvorfalls wieder mitnehmen konnten.
Das kommt bei einem anderthalbjährige Staffordshire-Terrier wohl nicht in Frage. Völlig verstört wurde er in einer Junkie-Wohnung sichergestellt. Und sucht nun ein neues Zuhause. „Bei ernsthaftem Interesse und der Erfüllung aller Auflagen für solch einen Hund würden wir sogar die Kosten für den Wesenstest (etwa160 Euro) übernehmen“, sagt Pflüger vom Ordnungsamt.
Eine Rechnung, die aufgeht: 10,50 Euro pro Tag und Hund zahlt die Stadt. Hinzu kommt noch eine anteilige Zwingermiete. „Für diese tolle Arbeit, die hier geleistet wird, ist das nicht viel Geld“, sagt Pflüger, der die gute Zusammenarbeit lobt und von Anlage und Betreuung der Tiere begeistert ist. Dennoch überlege man, Listenhunde mit absolviertem Wesenstest in die Kasseler Wau-Mau-Insel zu verlegen. Zum einen, um in Niedermeiser Platz zu schaffen für die Härtefälle. Zum anderen, um die Hunde potentiellen Interessenten näher zu bringen.
Einmal tief in die treuen Augen von „Keles“ geschaut, würde man ihn wohl kaum wieder hergeben wollen. Und tatsächlich: „Einen Rückläufer der von uns vermittelten Hunde hat es noch nicht gegeben“, freut sich Bräuer. Und so sehr er seine Schützlinge auch liebt – er würde sie alle gern in gute Hände abgeben.
Einen ersten Eindruck von den zu vermittelnden Tieren gibt es auf der Webseite www.hundeschule-apollo.de
+++ EXTRA INFO: Keine Gefahr für Mensch und Tier +++
Alle Bundesländer haben Gesetze bzw. Verordnungen zur Abwehr der von Hunden ausgehenden Gefahren erlassen. Da die Gefahrenabwehr in die Kompetenz der Länder fällt, sind die Regelungen der Bundesländer unterschiedlich. In Hessen sind alle Hunde so zu halten und zu führen, dass von ihnen keine Gefahren für die öffentliche Sicherheit, also für das Leben und die Gesundheit von Menschen oder Tieren ausgehen. Hunde dürfen außerhalb des eingefriedeten Besitztums der Halterin oder des Halters nicht unbeaufsichtigt laufen gelassen werden.
Für die Haltung eines gefährlichen Hundes wird eine Erlaubnis benötigt. Als gefährlich gelten – unabhängig von ihrer Rassezugehörigkeit – solche Hunde, die eine gesteigerte Aggressivität aufweisen oder die auffällig geworden sind. Ferner sind Hunde folgender Rassen als gefährlich anzusehen: Pitbull-Terrier oder American Pitbull Terrier, American Staffordshire-Terrier oder Staffordshire Terrier, Staffordshire-Bullterrier, Bullterrier, American Bulldog, Dogo Argentino, Kangal (Karabash), Kaukasischer Owtscharka und Rottweiler. Erfasst werden auch Kreuzungen untereinander oder mit anderen Hunden.
Im Rahmen des Erlaubnisverfahrens sind u. a. die Fähigkeit des Hundes zu sozialverträglichem Verhalten durch einen Wesenstest sowie die Geeignetheit und Zuverlässigkeit der Halterin oder des Halters nachzuweisen.
Quelle: www.stadt-kassel.de


04/09/2011 um 12:24
zitat: “Erfasst werden auch Kreuzungen untereinander oder mit anderen Hunden”. in dritter generation gibts aber in hessen wieder eine sonderregelung. dort müssen die merkmale der Listenhunde seitens der Gemeinte durch ein bestelltes Gutachten nachgewiesen werden. In solchen Fällen entstehen Kosten für Gemeinden…..somit wird vielen solchen Hunden das Prädikat “gefährlich” erspart….weil welche Gemeinte will schon die Kosten hochtreiben.